"Ich
spüre dich kaum mehr!"
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"Ich spüre dich kaum mehr!" Über die Angst, die Scheide könne nach der Entbindung nicht mehr eng genug für guten Sex sein, spricht keine Frau gern. Dabei lässt sich gegen dieses Problem etwas tun. Sexuelle Tabu - Themen? Gibt es so etwas überhaupt noch? Es gibt sie. Themen, über die selbst beim Arzt lieber geschwiegen wird. Um die Betroffene herumreden wie um den heißen Brei. Bis schliesslich ein paar zaghafte Worte einen Hinweis liefern: "Seit der Entbindung spüre ich den Penis meines Mannes kaum mehr in mir", heißt es dann. Oder: "Meine Scheide fühlt sich irgendwie ausgeleiert an." Das Gefühl, zu weit für den Mann zu sein, ist für viele Frauen beschämend. Und es bedroht das Selbstwertgefühl. Erst recht, wenn zum Gefühl der Weite die Erfahrung kommt, dass beim Niesen, Husten, Heben oder schnellen Laufen ungewollt ein paar Tropfen Urin abgehen. "Wir gehen davon aus, dass bis zu 30 Prozent aller Frauen im Wochenbett und im ersten halben Jahr nach der Entbindung solche Probleme haben", sagt der Münchner Gynäkologe und Priovatdozent Dr. Christoph Anthuber, leitender Oberarzt am Klinikum in Großhadern. "Die wenigsten Frauen sprechen von sich aus darüber. Aber wenn ich direkt nachfrage, dauert es oft nur wenige Sekunden, und die Patientin beginnt zu weinen. Daran kann man leicht erkennen, wie hoch der Leidensdruck ist." Ursache für das Weitegefühl und den ungewollten Harnverlust (Stress - Inkontinenz) ist eine Erschlaffung der Beckenbodenmuskulatur. "Die Geburt eines Kindes verringert sehr häufig die Festigkeit und Straffheit dieser Muskeln", sagt der Münchner Mediziner. "Vor allem in dem Moment, in dem der Kopf des Kindes durchtritt, werden Muskeln überdehnt." Das Gefühl, die Vagina sei zu weit, hat also die gleichen Ursachen wie die Inkontinenz: Die Muskeln des Beckenbodens, die die inneren Organe im Unterleib tragen und stützen, haben an Festigkeit verloren. Zwar hat nicht jede Frau, die sich zu weit fühlt auch Probleme mit der Blasenkontrolle - und umgekehrt. Aber es besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen geschädigter Beckenbodenmuskulatur und Problemen wie Weitegefühl, Harnabgang in Belastungssituationen und in schlimmeren Fällen, Gebärmutter- oder Blasensenkung. Natürlich bekommen nicht alle Frauen, die ein Kind zur Welt gebracht haben, Probleme mit dem Beckenboden: Es gibt Frauen, die drei oder mehr Kinder haben und deren Beckenboden in gutem Zustand ist", sagt Dr. Anthuber. Umgekehrt bleiben auch nicht alle Frauen, die kein Kind haben, von Beckenbodenschäden verschont: Etwa fünf Prozent aller Inkontinenz - Patientinnen haben nicht geboren. Wie sehr die Muskeln leiden, hängt wahrscheinlich von mehreren Faktoren ab - vor allem von der Festigkeit des Bindegewebes (das ist genetisch bedingt, lässt sich aber auch durch Sport und Ernährung beeinflussen), der Dauer der Presswehen, Größe und Gewicht des Kindes und davon, ob eine Zange eingesetzt werden musste. Frauen mit Neigung zu Krampfadern, Schwangerschaftsstreifen oder Gelenksüberbeweglichkeit scheinen ein größeres Risiko zu haben. Diese Einflussfaktoren werden vermutet, bewiesen sind sie noch nicht. Deshalb lässt sich nicht sicher vorhersagen, welche Frau Probleme mit ihrem Beckenboden bekommen wird und welche nicht. Festzustehen scheint, dass sehr sportliche Frauen und Frauen, die ihren Beckenboden schon vor der Entbindung trainiert hatten, seltener Probleme haben. Dammschnitte, so weiß man heute, können Muskelschädigungen nicht verhindern. Frauen, die einen Dammschnitt hatten, leiden ebenso häufig unter überdehnten Muskeln wie Frauen, deren Damm bei der Entbindung gerissen ist Nur die Frauen, die weder gerissen sind noch geschnitten wurden, sind deutlich seltener davon betroffen", sagt Dr. Anthuber. Dazu kommt, dass bei einem Dammschnitt (und auch bei einem -riss) häufig auch Nerven geschädigt werden. Aber je weniger Nervenimpulse gesendet werden, desto stärker bilden sich die Muskeln zurück. Immer wieder entscheiden sich Frauen für einen geplanten Kaiserschnitt, um eventuellen Schädigungen der Beckenbodenmuskeln vorzubeugen. Eine Studie aus Schweden zeigt, dass sich 33 Prozent aller Geburtshelferinnen beim ersten Kind für einen geplanten Kaiserschnitt entscheiden würden. 80 Prozent von ihnen geben als Hauptgrund die "Angst vor einem Beckenboden - Trauma" an, 58 Prozent sagen außerdem, dass sie "Angst vor sexuellen Problemen" hätten. Doch ein Kaiserschnitt ist keineswegs die einzige Möglichkeit, sexuellen Beschwerden oder Inkontinenz vorzubeugen. Genauso wenig wie eine operative Verengung der Scheide die einzige Möglichkeit ist, das Weitegefühl zu beseitigen. Alle
Muskeln lassen sich trainieren. Da machen die Beckenbodenmuskeln keine
Ausnahme. Die beste Vorbeugung ist deshalb gezieltes Beckenboden - Training,
schon lange vor oder auch während der Schwangerschaft. Ein trainierter
Muskel ist belastbarer und gewinnt auch eher seine Festigkeit zurück.
Dr. Udo Janßen, Assistenzarzt und gemeinsam mit Dr. Anthuber verantwortlich für das Beckenboden - Training an der Universitätsfrauenklinik Großhadern: "Mit kontrolliertem Beckenboden - Training werden bessere Erfolge erzielt als mit einer operativen Straffung des Gewebes. Die Erfolgsquote liegt nach sieben bis acht Monaten täglichen Trainings zwischen 60 und 80 Prozent, während nur etwa die Hälfte aller Frauen nach einer Operation sehr zufrieden sind." Die Empfehlung der "Arbeitsgemeinschaft Urogynäkologie der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe" lautet deshalb bei "schwacher Blase", es immer zuerst mit einer so genannten "konservativen Therapie" zu versuchen, bevor eine Operation erwogen wird. Dr. Janßen hat die Erfahrung gemacht, dass etwa 30 Prozent aller Patientinnen, die zu ihm kommen, ihre Beckenbodenmuskeln nicht lokalisieren können. In Großhadern wird den Frauen gezeigt, wie sie überprüfen können, ob die richtigen Muskeln bewegt werden. Die einfachste Möglichkeit ist, zwei Finger in die Vagina zu legen, zu versuchen, sie zu sich nach innen zu ziehen und dabei zu spüren, ob sich der Druck um die Finger erhöht. Alternative: zwei Finger werden auf die Bauchdecke gelegt. Wenn sie sich beim Anspannen der Muskeln heben, sieht man gleich, dass mit den Bauch- und nicht mit den Beckenbodenmuskeln gearbeitet wird. Der Hinweis, die Beckenbodenmuskeln seien die Muskeln, die man beim Unterbrechen des Harnstrahls anspannen müsse, ist zwar richtig, aber nicht immer eine Hilfe. Denn in den ersten Wochen nach der Entbindung können die wenigsten Frauen den Harnstrahl willkürlich unterbrechen. Deshalb hat es auch oft wenig Sinn, mit dem Training vor dem Ende des Wochenbettes zu beginnen. Auch Elektro - Stimulationen können dabei helfen, die richtigen Muskeln zu lokalisieren. Durch diese Stimulation kann außerdem der Aufbau von Muskelmasse beschleunigt werden: "Mit Hilfe von elektrischen Impulsen erreichen wir eine Anspannung, die in der Regel willentlich nicht mehr erzeugt werden kann", sagt Dr. Janßen. Mit Vaginalgewichten, in den achtziger Jahren das "Mittel der Wahl" zur Behandlung von Beckenboden - Schwäche, hat Dr. Janßen unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Für Frauen, deren Beckenboden relativ fest ist, sind die tampongroßen Konen mit Gewichten zwischen 20 und 70 Gramm ein gutes Hilfsmittel für ihr Training. Doch Frauen, deren Entbindung erst kurze Zeit zurückliegt oder deren Muskeln sehr stark überdehnt wurden, erleben damit eher Enttäuschungen. Denn sie können die Gewichte in der Vagina noch nicht halten, sie fallen heraus. "Training mit Gewichten ist nur sinnvoll, wenn die Muskeln relativ stabil sind", sagt Dr. Janßen. In allen anderen Fällen muss zuerst ein Aufbautraining gemacht werden." Vaginalgewichte eignen sich zum anschließenden Ausdauertraining. Es wird mit dem Gewicht begonnen, das mindestens eine Minute gegen das Bestreben herauszufallen in der Vagina gehalten werden kann. Zwei Mal täglich wird das Training duchgeführt und die Haltezeit auf 15 Minuten gesteigert. Danach folgt das nächstschwerere Gewicht. Eine Studie zeigt, dass sich die Muskelkraft durch gezieltes Training bereits nach einem Monat um 100 Prozent steigern lässt. Je schlaffer der Beckenboden war, desto schneller zeigen sich in der Regel erste Erfolge. Dennoch: Weniger als drei Monate lang täglich zu trainieren, bringt selten etwas. Nach acht bis neun Monaten intensiven Trainings erzielen die meisten Frauen einen deutlichen Erfolg, wenn sie jeden Tag etwa eine Viertelstunde investiert haben: Die Muskeln, die ein bis zwei Zentimeter im Eingang der Vagina tastbar sind, verdicken sich und lassen sich fester zusammenziehen, das Gefühl von Weite und Schwere verliert sich. Acht Monate tägliches Training sind kein Pappenstiel. Die Großhaderner Ärzte Dr. Anthuber und Dr. Janßen wissen, wie groß die Versuchung ist, all die Mühen zu umgehen und sich einer Operation zu unterziehen, bei der das Scheidengewebe gestrafft wird. Beide plädieren dennoch dafür, es zuerst mit Training zu versuchen und sich nicht zu viel von einer operativen Straffung zu versprechen. Eine Operation, die die Scheide enger macht, ist keine Garantie für ein schönes Sexualleben", sagt Dr. Anthuber. "Es gehört mehr zu einer erfüllten Sexualität als das Gefühl von Enge." Dr. Janßen betont, dass das Gefühl von Weite keineswegs allein das Problem der Frauen sei. "Es gehören immer zwei dazu: Der, der die Weite empfindet, und der, der sie nicht mehr ausfüllen kann." 1998 wurden im Klinikum Großhadern 469 Frauen "trainiert". Da es kaum Kliniken mit kontrolliertem Beckenboden - Training in Deutschland gibt, werden Patientinnen oft von weit her nach München geschickt. Interesse an der "Großhaderner Schule" zeigen inzwischen auch Ärzte, Hebammen und Physiotherapeuten. Ob jemals in allen Schwangeren- oder Rückbildungskursen kontrolliert werden kann, ob die richtigen Muskeln kontrahiert werden, ist derzeit noch fraglich. Denn das kostet Zeit und Geld. Der richtige Ansprechpartner für Frauen mit Beckenbodenproblemen ist der Gynäkologe. Er kann auf spezialisierte Arztpraxen, Hebammen, Kurse in Fachkliniken (oder auch bei der Volkshochschule) verweisen. Am besten, bevor sich Probleme zeigen: "Ich würde jeder Frau empfehlen, schon vor der Entbindung Beckenbodenmuskeln gezielt zu trainieren. Und den Beckenboden nicht unnötig zu belasten", sagt Dr. Udo Janßen. Den Beckenboden zu schonen bedeutet vor allem: Übergewicht vermeiden, ballaststoffreiche Ernährung und viel Bewegung, damit es erst gar nicht zu Verstopfungen kommt und auf der Toilette gegen den Beckenboden gepresst werden muss. Quelle: Dorette Giihlich, Zeitschrift ELTERN, Mai 2000, S. 65 - 68 |
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